Türkei – Pakistan,

Güle güle, Türkiye.

Unsere Zeit in der Türkei, vor allem im Osten, war klasse. Das recht großzügige Zeitfenster, das wir vor Gültigkeit unserer Iran-Visa hatten, verhalf uns hervorragend beim Entschleunigen. Nichtsdestotrotz freuten wir uns wahnsinnig, als wir am 1. März 2009 die letzten Kilometer auf türkischem Grund hinter uns liessen. Es war definitiv Zeit für den nächsten Abschnitt unserer Tour.

Toyota auf der Landstrasse

Kopftuch umgewickelt und los

Was bekannt war in Bezug auf den Grenzübergang von der Türkei in den Iran, hatten wir gelesen und dachten uns halbwegs gut gewappnet. Frei nach dem Motto: Lasset die Spiele beginnen! 

Die Ausreise aus der Türkei war easy. Die Herausforderung wartete danach auf uns: in Form von unendlichem Gewusel und noch unendlicheren Menschenmassen. Ob es da irgendwie ein Muster oder System hinter dem Ganzen gab? Wir konnten es nicht erkennen. Wie aus Zauberhand hatten wir innerhalb von Sekunden unseren persönlichen Fixer an der Seite, der uns durch das gesamte Einreiseprozedere schleuste. 

Nach zwei Stunden waren wir mit korrekt abgestempeltem Carnet de Passages durch die Grenze und somit ganz offiziell im Iran. Ja, das Grinsen auf unserer beider Gesichter war schon ziemlich breit. Allzu viele Menschen können nun wahrlich nicht von sich behaupten, dass sie schon mal in den Iran gefahren sind. 

Frau mit zwei Kindern

Die Amis machen es einem nicht wirklich leicht

Seit 1979 leidet der Iran unter den Sanktionen der USA, welche zur Folge haben, dass man im Iran de facto an kein Bargeld kommt, außer das, was man dabei hat. Mit diesem Wissen und dem Wirrwarr rund um die Grenze, waren auch wir vor dem ultimativen Anfängerfehler nicht gefeit und wechselten unser restliches Bargeld zu einem wirklich bescheidenen Wechselkurs. Ich würde ja jetzt behaupten: das passiert uns nie wieder, aber soweit mag ich mich dann doch nicht aus dem Fenster lehnen 😄

Wenn man sich die Sprit-Preise im Iran anschaut, waren wir uns sicher, dass uns das Geld trotzdem wunderbar durch den Iran bringen würde: 1l Diesel für weniger als 0,01€ oder auch: für weniger als 1€ haben wir den Tank von Sveni vollgetankt!!! Oh yes, so macht Tanken tatsächlich Spass!!! 😁 Lebensmittel hatten wir noch genug an Board und auch sonst waren wir bestens ausgerüstet.

First stop Tabriz

Klingen die Städtenamen Tabriz, Esfahan oder Yazd an sich nicht schon sensationell?! Wir hatten nur sieben Tage, um nach Pakistan zu kommen, aber die Spannung und Vorfreude war zu groß, um solche, vor allem historische Städte links liegen zu lassen. Um aber dort überall hinzukommen, brauchte Sveni erstmal Futter. Wir machten uns also auf die Suche nach der ersten Tankstelle. 

Das Tankstellennetz an sich schien ganz brauchbar zu sein, einziges Manko: es gibt nicht automatisch an jeder Tankstelle auch Diesel. Was aber wiederum geholfen hat: an den Tankstellen, die Diesel hatten, war jedes Mal eine riesig große Schlange an LKWs. Also kaum zu verfehlen. Einzig ausreichend Sitzfleisch in der Warteschlange war notwendig, denn die iranischen Trucker füllten ihre LKWs nicht nur mit 70 oder 80 Liter Diesel, sondern mit locker 300-400 Liter dank Zusatztanks. Das konnte schon mal dauern. 

Tabriz ist eine der größten Städte des Irans und beherbergt den größten Souk des ganzen Landes. Der Souk ist gewaltig. 🤩 Die Fahrt durch die Stadt war ziemlich anstrengend: der Verkehr war grauenhaft. Hätten wir davor andere (vielleicht etwas kleinere) Städte im Iran besucht, wäre es eventuell etwas einfacher gewesen. Allerdings wird diese Vermutung auf immer reine Spekulation bleiben. Sei’s drum: wir fanden im El Goli Park einen wunderschönen Platz für unsere erste Nacht im Iran.

LKW im Rückspiegel

Wir und unser Farsi

Auf der Autobahn setzten wir grob Kurs auf Esfahan. Um uns die Zeit zu vertreiben, übten wir uns mit jedem Strassenschild in Nummern auf Farsi lesen. So schwer war es gar nicht *räusper* 🙂

Beinahe aus dem Nichts (oder vermutlich aufgrund unserer nicht vorhandenen Farsi-Kenntnisse, um Hinweisschilder lesen zu können) tauchten nacheinander Mautstellen auf: die ersten beiden Kontrollen winken uns freundlich lächelnd einfach so durch. An der dritten Mautstelle hieß es dann plötzlich, wir müssten IRR17.000 zahlen. Wir schauten ihn etwas verwirrt an und bevor wir aber überhaupt unser Geld abgezählt bekamen, tauchte sein Chef auf und dann wollte auch er kein Geld mehr von uns. 

An der vierten (und letzten) Mautstelle wurden wir dann nach irgendwelchen Quittungen gefragt. Äh. Tja. Öh. Nein, haben wir keine. Ein verlegenes Grinsen auf unser beider Gesichter. Hoppla. – Egal. Dann eben ohne. Er wünschte uns noch viel Spass in seinem Land und einen schönen Tag. 

Auch hier wiederum muss ich sagen: sollte sich irgendwie ein System dahinter verbergen, wir haben es nicht erkannt. Dafür war jeder einzelne Kontakt jedes Mal von einer Freundlichkeit und Herzlichkeit geprägt, dass es uns beinahe schwindelig von wurde.

Verkehrsschilder Pakistans

Iranische Gastfreundschaft, die Erste

Es war ein ziemlich langer Tag “on the road” und so nutzten wir eine Rest Area an einer Tankstelle als Night Stop. Um dem Betreiber keine Schwierigkeiten zu machen, machte ich mich mit umwickeltem Kopftuch auf den Weg zu einem der Mitarbeiter der Tankstelle, um um Erlaubnis für‘s Übernachten vor Ort zu fragen. 

Wer sich auch nur ansatzweise schon einmal in einem streng islamischen Land bewegt hat oder sich zumindest damit auseinandergesetzt hat, weiß, dass das eigentlich eine blöde Idee war.

Mann spricht nicht einfach mit einer (fremden) Frau. 

Mein Glück war, dass er Micha schlichtweg nicht gesehen hatte, sondern davon überzeugt war, dass ich wohl alleine unterwegs war. Entsprechend mit Händen und Füssen und einem Deutsch-Englisch-Farsi-Mix hatte ich die Erlaubnis für die Übernachtung und wurde sogar noch gefragt, ob ich denn Chai oder etwas zu Essen bräuchte. Ich lehnte dankend ab und verschwand wieder in Sveni, um nicht für unnötig Aufsehen zu sorgen. 

Gegen 22:45 Uhr klopfte es an Sveni’s Tür: es war der Tankstellen-Mitarbeiter, der uns vier Gurken vorbei brachte. Ich muss einen arg verwahrlosten, bzw. hungrigen Eindruck gemacht haben 🙂

Am nächsten Morgen machten wir uns zügig fertig, um weiter zu kommen. Da die Tankstelle auch über Diesel verfügte, stellten wir uns direkt an. Die 30l, die in Sveni’s Tank passten, bekamen wir dann auch noch geschenkt.

Pakistaner an Sveni

VIP Parking in Esfahan

Wir waren noch nicht lange im Iran, trotzdem schaffte es dieses Land durch seine Menschen, die wir treffen durften, dass wir uns in keinem anderen Land willkommener fühlten und vermutlich jemals fühlen werden. Diese unendlich herzlichen, freundlichen, hilfsbereiten Menschen haben nichts mit dem Bild zu tun, das uns seit Jahren hier in den Nachrichten vermittelt wird. Es ist beinahe beschämend, mit welch offenen Armen wir dort empfangen wurden und wie fremde Menschen bei uns hier in Deutschland behandelt werden.

Eigentlich wollten wir die Nacht wieder an einem Truck Stop einlegen, allerdings fing plötzlich Micha’s Bauch/Magen/Nieren wieder an ihm fiese Schmerzen zu bereiten. Somit entschieden wir uns, direkt bis Esfahan weiter zu fahren, um dort in eine Apotheke zu gehen. 

Die Apotheken hatten leider schon zu, aber dafür waren die Polizisten am Imam Square so freundlich und liessen uns quasi front row mit Blick auf die Moschee dort parken. Besser geht Parken in einer Millionenstadt kaum.

Micha’s Schmerzen hatten sich wieder etwas gelegt und wir konnten ein paar Stunden schlafen. 

Von allen Städten, die wir im Iran besucht haben, ist Esfahan mit Abstand die schönste Stadt. Wäre es Micha gesundheitlich besser gegangen und hätten wir längere Visa gehabt, so schnell wären wir nicht weiter gefahren. 

Iranische Gastfreundschaft, die Zweite, Dritte, Vierte…

Die Iraner sind umwerfend. Ich kann mich nur wiederholen. Und werde es eventuell  zu einem späteren Zeitpunkt nochmals erwähnen: 

Wir wurden an Tankstellen mit unserem kleinen Sveni mehrfach vorgelassen. Beim Versuch aus Qom wieder rauszufinden, setzte sich ein Einheimischer kurzerhand in seinen PKW und brachte uns aus der Stadt und wieder auf Kurs. 

Egal wo wir tagsüber für eine kurze Kaffee-Pause anhielten, dauerte es nie länger als 5min, bis ein LKW hinter uns parkte und der Trucker zu uns kam, um zu sehen, dass es uns gut ging und wir alles hatten, was wir brauchten. Einmal ging es sogar soweit, dass der Trucker mit einer Handvoll Bonbons an Sveni’s Fahrertür auftauchte und Micha im Anschluss zum Chai in seinen LKW einlud. Anschließend half auch er uns, die richtige Abfahrt zu nehmen. 

In einem weiteren Deutsch-Englisch-Farsi-Hand-Fuß-Mix unterhielten wir uns

Ali, der Benz fuhr, gesellte sich in einer Warteschlange an einer der Diesel-Tankstellen an unser Fenster. Er brachte Orangen und Kiwis. Es war herrlich. In einem weiteren Deutsch-Englisch-Farsi-Hand-Fuß-Mix unterhielten wir uns (also hauptsächlich Micha und Ali). Ali erzählte stolz von seinen Kindern, die sieben und ein Jahr alt waren. Sein Benz-Truck hatte ihn IRR 80Mio. gekostet, was damals umgerechnet um die 6.000€ entsprach. Von ihm bekamen wir dann noch eine Strassenkarte (auf Farsi) geschenkt, die alle Diesel-Tankstellen eingezeichnet hatte. 

Es fällt mir wirklich schwer, das in Worte zu fassen, was wir in diesen wenigen Tagen im Iran erleben durften. Dieses Land hat so unsagbar viel zu bieten und ich werde es wirklich nicht müde, jedem wärmstens ans Herz zu legen, einmal in den Iran zu reisen. Die Landschaften, wunderschöne, alte Städte, eine Kultur, die seines Gleichen sucht und dazu diese sagenhaften Menschen. I could go on like this forever. Und hey, ein letztes Beispiel hätte ich da tatsächlich noch!

Micha und sein Freund, der Pakistaner

Iranisches Krankenhaus an einem Freitag? Super Sache.

Mit Kerman erreichten wir die letzte größere Stadt vor Pakistan. Im Hof des Hotel Akhavan fanden wir einen sicheren Parkplatz und im Hotel eine (weitestgehend) vernünftige Dusche. 

Da wir (vor allem ich) Micha’s Zustand nicht ganz trauten, machten wir uns in Kerman auf den Weg zur Apotheke. Für IRR7.000 gab es Medikamente. 

Leider hatten die Medikamente nicht die gewünschte Wirkung, sondern sorgten wieder für eine schmerzhafte Nacht für Micha. Nach einem erneuten Versuch bei einer anderen Apotheke und neuer Tabletten für weitere IRR5.000 war Schluss.

Ich schnappte mir Micha und wir machten uns auf den Weg ins örtliche Krankenhaus. 

Im Krankenhaus wurden wir von zwei netten Damen im Eingangsbereich empfangen. Auch hier half in erster Instanz ein Mix aus Deutsch-Englisch-Farsi mit Händen und Füssen. 

Kurzes Recap: wir sind in einem islamischen Land unterwegs, in dem der Freitag der wichtigste Tag der Woche darstellt. Selbstredend, dass wir an genau so einem Freitag in das Krankenhaus gingen. Immerhin war geöffnet 🤭

Geld im Iran

Wir sind immer noch im Iran, wo dank des US Embargo es keine Möglichkeit gibt, an Geld zu kommen, außer man hat es bar bei sich. Leider sah das iranische Gesundheitssystem vor, dass – bevor man überhaupt untersucht wird – eine Gebühr zu bezahlen ist. 

Jetzt erinnern wir uns alle nochmals daran, dass wir bei der Einreise in den Iran einen eher bescheidenen Wechselkurs für unser vorhandenes Bargeld mitgenommen hatten. Eigentlich hätte das, was wir an Rials noch hatten, locker gereicht. Eigentlich.

IRR40.000 (damals knapp 3€) hätten wir zahlen sollen. IRR30.000 war aber alles, was wir noch an Bargeld hatten. Hätten wir die nicht funktionierenden Medis nicht gekauft, hätten wir noch genug gehabt. Wir reden hier von drei läppigen Euro!!! Aaaah. 

First stage of nervous breakdown about to ignite!!!

Micha mit schmerzverzerrtem Gesicht und ich leicht blass um die Nase. Die beiden Frauen tuschelten kurz miteinander. Dann nahmen sie die IRR30.000 und winkten uns durch. Sie hielten uns an, uns im Wartebereich hinzusetzen. 

Keine fünf Minuten später tauchte eine junge Ärztin auf und nahm uns mit in ihr Untersuchungskämmerlein. Die Ärztin, deren Namen wir leider im Eifer des Gefechts nicht notiert hatten, sprach super englisch und so war die Verständigung in Relation beinahe einfach. Sie untersuchte Micha. Anschließend meinte sie, sie hätte gerne einen Blut- und Urintest. Ultraschall ginge leider nicht, da am Freitag nur Notbesetzung im Krankenhaus. 

Nächster Halt also Labor: für die Angestellten muss es ein ähnliches Highlight gewesen sein, einen Ausländer zur Ader zu lassen, wie es für uns war, in ein iranisches Krankenhaus zu müssen. 

Danach nahmen wir wieder Platz im Wartebereich. Es zeigte sich bei uns beiden eine gewisse Erleichterung, da endlich nach Micha’s Schmerzen geschaut würde. Die Mitarbeiter des Krankenhaus taten auch alles dafür, dass wir uns gut aufgehoben fühlten.

Kein Bargeld – kein Labor

Ein Mitarbeiter aus dem Labor kam auf uns zu, den Bericht in der Hand. Er fragte uns, ob wir denn für das Labor bereits gezahlt hätten? Äh. Nein. Ja. Vielleicht? Die eben noch verspürte Erleichterung wich einer leichten Panik und einem richtig schlechten Gewissen. Wir versuchten ihm zu verstehen zu geben, dass wir alles, was wir noch an Bargeld hatten, bereits zu Beginn bei den beiden Damen gelassen hatten. Auch wenn das eh schon nicht ausreichend war. Mehr hatten wir schlichtweg nicht.

Zum Glück kam die Ärztin und sprach mit dem Labor-Mitarbeiter. Was dann passierte, haute uns beinahe vollends von den Socken: da das Labor bezahlt werden musste, wir aber kein Bargeld mehr hatten, ging diese unglaubliche Ärztin in ihr Behandlungszimmer, packte ihre Handtasche aus dem Schrank, nahm aus ihrem Geldbeutel das nötige Geld und gab es dem Mitarbeiter. 

Mir standen Tränen in den Augen.

Das muss man sich einfach mal versuchen vorzustellen: du bist auf Reisen, d.h. du kannst dir eine Reise leisten, was dich von einem extrem großen Anteil der Bevölkerung schon unterscheidet. Dann hast du zwar nicht so viel Bargeld dabei, aber auf deinem Konto liegt mehr, als z.B. diese Ärztin in einem Jahr verdient. Wir waren gerührt, berührt und so beschämt. Wir, die reichen Touristen aus Europa, können keine einstelligen Euro-Beträge begleichen. 

Die Diagnose war dann beinahe nur noch Beiwerk: Nierensteine. Schmerzhaft, aber damit konnten wir weiter reisen. Dieser Engel von einem Arzt sorgte noch dafür, dass Micha vor Ort eine Infusion und für die nächste Zeit Medikamente bekam.

Irgendwie versuchten wir unsere unendliche Dankbarkeit in Worte zu fassen. Unsere Ärztin lächelte uns darauf nur an und meinte: “I am happy I could help. You are  guests of the Iran, so you are my guests.”. Ich brach direkt wieder in Tränen aus. 

Polizeieskorte

Nach Bam, ein weiteres Städtchen, dessen Strassenschilder es nur in Farsi gab und damit nochmals all unsere Navigationsfähigkeiten forderte, verbrachten wir die letzte Nacht im Iran auf einem dieser von uns so lieb gewonnenen Truck Stops. 

Ausgeschlafen und schmerzfrei (!!! 😁)  nahmen wir die letzte Etappe bis Mirjaveh in Angriff. An diesem Tag mussten wir aus dem Iran ausreisen. 

Ca. 80km vor Zahedan bekamen wir eine Polizeieskorte. Die Eskorte wechselte auf der Strecke 4x. Beim vermeintlich letzte Wechsel fehlte die nächste Eskorte und so sprang ein Jungspund in grüner Uniform bei uns in Sveni und begleitete uns bis zur Grenze. Aus Afghanistan kamen über Pakistan zum kleinsten Teil Taliban, viel mehr wurden (und vermutlich werden immer noch) hier u.a. Kamele mit in den Höckern eingenähte Drogen durch die Wüste über die Grenzen geschickt. Die Regierung wollte sicher gehen, dass wir an einem Stück ihr Land und somit auch ihre Verantwortlichkeit verlassen.

Am 07.03.2009 um 15:45 Uhr erreichten wir die iranische Grenze in Mirjaveh. Auch wenn wir mit dem nächsten Grenzwechsel unserem Ziel Nepal wieder einen Schritt näher kamen, waren wir irgendwie traurig. Der Iran hat uns mit solch offenen Armen und so viel Gastfreundschaft empfangen. Selbst 11 Jahre später wird es mir nur beim Gedanken an unsere viel zu kurze Zeit im Iran so warm ums Herz. Dieses Land und vor allem seine Menschen haben auf ewig einen ganz besonderen Platz in unseren Herzen.

Motorradfahrer mit Maschinengewehr

Tschüss perfekt geteerte Strassen.

Das Grenzgebäude in Mirjaveh auf iranischer Seite machte einen recht neuen Eindruck, die perfekt geteerten Strassen, die uns durch den Iran gebracht hatten, hörten hier genau am Grenzzaun auf. Ein Rolltor aus Maschendrahtzaun öffnete sich vor Sveni. Wir fuhren von Teer auf Staubpiste und mussten vor einem weiteren Rolltor anhalten. Hinter uns wurde das erste Rolltor geschlossen. Jetzt waren wir ganz offiziell nicht mehr im Iran.

Recht neugierige Grenzbeamte aus Pakistan kamen zu uns und begannen sich in Sveni umzuschauen. Das letzte Nutella-Glas konnten wir gerade noch vor den Grenzern retten. Dann öffnete sich das zweite Rolltor. 

Wir wurden angehalten neben einer Lehmhütte zu parken, die uns auf pakistanischer Seite als Grenzgebäude begrüsste. Was ein krasser Unterschied! Eben noch im 21. Jahrhundert und zack, in einer Mischung aus Wildwest und 3. Welt. Es fehlte eigentlich nur noch einer dieser Steppenläufer und die Kulisse wäre perfekt gewesen.

Zwei Stunden dauerte auch diese Einreise, bei der wir insgesamt vier dieser teils Lehm-, teils Wellblechhütten aufsuchen mussten, bis alles einen Stempel an der richtigen Stelle hatte. Als kleinen Willkommensgruß und Entschädigung, dass es so lange dauerte, gab es einen Chai. 

Wir haben es also tatsächlich auch nach Pakistan geschafft! 😁

Pakistan, Luftlinie 20km bis Afghanistan

Unser erstes Ziel in Pakistan war Quetta, die Hauptstadt von Baluchistan. Baluchistan ist Pakistan’s westlichster Bundesstaat. Hier war der erste und für uns nächste bekannte ATM. Hier mussten wir also unbedingt hin, um wieder Bargeld in Händen halten zu können.

Um von der Grenzstadt Taftan nach Quetta zu kommen, war Navi-technisch keine Herausforderung. Es gab genau eine “Haupt-“Strasse, die Luftlinie mit ca. 20km Entfernung parallel zur afghanischen Grenze verlief. Ein Blick zur linken Seite zeigte in gut 10km Entfernung einen Gebirgsstreifen, direkt dahinter war Afghanistan. Wir mussten uns das einige Mal verinnerlichen, dass das wirklich keine Distanz ist und alle Warnungen oder Hinweise und Ratschläge machten auf einen Schlag noch mehr Sinn.

Entlang der 658km langen Strecke wurden wir an unzähligen Check Points der Polizei angehalten. Nach Eintragung in einem Buch und je nach Neugierde oder Motivation der Polizeibeamten uns auf ein Schwätzchen da zu halten, konnten wir weiter fahren. Die Strassenverhältnisse gaben alles her: von halbwegs vernünftig geteerten Strassen bis Schotterpisten, es war wirklich alles dabei.

Die Tankanzeige neigte sich immer mehr Richtung Reserve, aber ohne Geld konnte uns auch keine Tankstelle weiterhelfen. Wieder einmal war es ein Iraner, der den Retter spielte. Ein Trucker aus dem Iran, auf dem Weg zurück, schenkte uns 10l Diesel und damit schafften wir es bis Quetta.

Dorf in Pakistan

Ich wischte unter Fluchen und Lachen die Sauerei weg …

Einer der Schotterpisten fiel dann auch noch eine Palette Eier zum Opfer. Wir hatten die Eier seit dem Iran während der Fahrt auf unserem Herd (zwischen den Gittern) geparkt, nie ein Problem gewesen. Auf dieser einen Schotterpiste siegte die Schwerkraft und ich wischte unter Fluchen und Lachen die Sauerei weg.

Wüstenschiffe gab es ohne Ende entlang der Strecke. Mit dem Hintergrundwissen, dass die armen Tiere teilweise als Drogenkuriere missbraucht wurden, verlor der Anblick aber leider etwas an seiner Romantik. 

Der erste Tag in Pakistan war hart. Die Strecke nach Quetta verlangten Mensch und Maschine alles ab. Gegen 23:00 Uhr fuhren wir in den Innenhof des Bloom Star Hotel in Quetta. Das Bloom Star Hotel wurde seit Jahren von Overlandern auf dieser Route als Zwischenstopp genutzt. Das Hotel bot einen gesicherten Innenhof, in dem Reisemobile gut parken konnten. Man konnte die Zimmer zum Duschen nutzen und das Biryani war nun wirklich nicht zu verachten.

Adieu Freiheit

Wir verbrachten ein paar Tage in Quetta. Ein erster Bummel durch die Stadt sorgte auch wieder dafür, dass wir ausreichend liquide waren – ein sensationell gutes Gefühl.

Als wir morgens aufbrechen wollten, wartete beinahe die komplette Polizeistation vor dem Hotel auf uns.

Ab hier würden wir bis zur indischen Grenze nicht mehr ohne Polizeieskorte unterwegs sein können. Was ein Käse.

Die Eskorte dünnte sich mit der Zeit aus, bis wir abwechselnd mal einen Toyota Pick-Up (ja, die Bösen fahren immer Toyota! 😉) oder zwei Jungs auf einem kleinen Moped und Kalaschnikows über der Schulter vor uns hatten. 

Da wir es eigentlich nicht eilig hatten, weigerten wir uns bei den Schlafanzugträgern (no offense 🙂) mit Pick-Up schneller als 60 oder 70km/h zu fahren. Bei den Mopeds versuchten wir hin und wieder einen Ausbruchsversuch. Am nächsten Check Point hatten sie uns blöder Weise aber wieder.

Wir sind nicht alleine

Bis Pakistan hatten wir keinen anderen Overlander getroffen. Wir hatten irgendwie schon die Vermutung oder Befürchtung, dass zu dieser Zeit keiner so bekloppt wäre und diese Strecke fährt. Irgendwo im Nirgendwo wurden wir eines Besseren belehrt: auf weiter Strecke kam uns plötzlich ein MAN-KAT mit deutschem (!!!) Kennzeichen entgegen. Micha stieg auf die Bremse und im Rückspiegel konnten wir auch den KAT bremsen sehen. Ja Wahnsinn! Wir stiegen, zum Unmut unserer Eskorte, aus Sveni und liefen dem Blondschopf entgegen, der aus dem KAT gesprungen war. Sammy. Ein Brite, der den KAT in Deutschland gekauft hatte und inzwischen wieder auf dem Rückweg nach Europa war. Es war eine kurze, aber sehr herzliche Begegnung und gab einen ersten Vorgeschmack, wie denn Overlander so miteinander umgehen und ticken.

Ich wollte schon immer mal auf einer Polizeiwache in Pakistan übernachten

In Jacobabad, genauso wie in Multan, hatten wir das fragwürdige Vergnügen jeweils an den Polizeiwachen, bzw. in Multan in der Polizeikaserne zu übernachten. 

Es lief jedes Mal gleich ab: uns wurde ein Parkplatz zugewiesen, dann sollten wir mit auf die Wache kommen, wo bereits eine ganze Armada an Polizisten oder Möchtegern-Wichtigen sassen. Unsere Pässe wurden kontrolliert, es gab Chai – gerne auch mal aus Plastiktüten – und dann mussten wir uns anhören, wie toll doch Hitler war. Die ersten Gespräche in diese Richtung bei früheren Check Points haben wir noch versucht irgendwie anders zu lenken. Da die Pakistani Hitler für seinen Angriff gegen die Engländer immer noch so sehr feierten, war es schlichtweg zwecklos. 

Dein Freund und Helfer?

In Multan wurden wir dann noch Zeugen, wie die gesamte Kaserne aufgerüstet in Busse stieg, um in einem Viertel von Multan “aufzuräumen”. Wir hatten kein einziges Mal Angst oder ein schlechtes Gefühl, wie wir durch Pakistan fuhren. Was wir aber merkten, war die Tatsache, dass die Polizei hier von allen Zivilisten als ernsthafte Bedrohung angesehen wurde. Multan zeigte uns ganz deutlich, warum.

Auch in Lahore, quasi kurz vor der Grenze zu Indien, mussten wir mit ansehen, was die Polizei sich erdreistete. Das Schlimmste allerdings war, dass wir im Prinzip die Auslöser dafür waren. Die Eskorte versuchte uns noch vor Grenzschluss durch den dichten Verkehr von Lahore Richtung Wagah-Border zu bringen. Eine mehrspurige Strasse und neben den ganzen LKWs, Transportern, Pick-Ups, Tuk Tuks und Esel- oder Ochsenkarren, trieb die Polizei uns an und wechselte ununterbrochen die Spuren. Ein armer Tuk Tuk-Fahrer war mit dem ganzen Armgefuchtel und Gebrüll eines der Polizeibeamten völlig überfordert und wusste nicht mehr wohin. Darauf stieg der Polizist aus seinem Pick-Up, lief rüber zu dem Mann und gab ihm vor unseren Augen eine Ohrfeige. Danach stieg er wieder ein und trieb uns weiter an Richtung Grenze. 

Wir waren sprachlos. Entsetzt. Ungläubig. Ungläubig, dass das gerade tatsächlich passiert war. Beschämt. Denn das alles nur, weil wir meinten nach Nepal fahren zu müssen. Das sass.

Closing of the Border Ceremony

Bis wir an der Wagah-Border waren, war diese für die Ein-/Ausreise bereits geschlossen. Unsere Eskorte war schneller weg, als wir uns umschauen konnte. Sie hatten ihr Möglichstes und ihre Pflicht erfüllt. Die wollten uns wohl genauso los sein, wie wir die. 

Uns wurde für Sveni ein Plätzchen neben dem Customs Gebäude zugewiesen. Einer der Grenzer fragte noch, ob er uns vom Markt was an Obst oder Gemüse mitbringen könnte. Plötzlich waren wieder nur freundliche und offene Menschen um uns. Allerdings steckte uns der Vorfall aus Lahore noch ordentlich in den Knochen. Es war einfach nur unfassbar.

Zum lange Nachdenken liessen uns die Grenzer allerdings keine Zeit. Sie trieben uns zur Closing of the Border Ceremony. Dieses Highlight findet jeden Abend an der Grenze zwischen Indien und Pakistan statt und sie bestanden darauf, dass wir unbedingt dazu kommen müssen. Es war unglaublich. Die pakistanische Seite war zwar um einiges dünner besetzt als die indische. Aber der pakistanische Cheerleader gab wirklich alles und wir saßen mittendrin. Auf YouTube hat es etliche Videos dazu. Schaut es Euch mal an, es ist echt abgefahren.

Closing of the Border Ceremony, Pakistan
Closing of the Border Ceremony, Pakistan

Goodbye Pakistan

Diesen Abend hatten wir als versöhnenden Abschluss in Pakistan wirklich nötig. Die Länder, die wir zuvor durchquert hatten, hatten bei uns bei weitem nicht zu solch einer emotionalen Achterbahn geführt, wie es bei Pakistan der Fall war. 

Wir hatten ein landschaftlich schönes und tatsächlich abwechslungsreiches Land durchquert. Wir hatten nie das Gefühl bei den Einheimischen, wir wären nicht willkommen. Und wir hatten einen deutlich niedrigeren Lebensstandard als in allen anderen Ländern zuvor erlebt, aber die Menschen machten deshalb keinen unglücklichen Eindruck auf uns. Aber, trotz Kopftuch-Freiheit waren in Pakistan z.B. mehr Frauen in Burkas zu sehen als im Iran. Ein freies Land, das doch alles andere als frei ist? 

Auf jeden Fall hat uns das Wirken und die sichtbare Angst vor der Polizei wirklich erschrocken und noch viele Tage nach Indien begleitet. Denn dort sollte es am nächsten Tag hingehen.

Alle Bilder der Etappe nach Pakistan

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