Julia und Thomas habe ich, eher durch Zufall, in Spaniens Halbwüste Bardenas Reales kennengelernt. Gefühlt hätten wir bis in die Nacht plaudern können – um so mehr freue ich mich, dass uns die zwei sympathischen Overlander mit auf ihre, ganz persönliche, Reise an’s Nordkap nehmen …

Way to Northcape – winter edition

Vorgeschichte

Frühsommer 2018. Der nassgraue, rheinländische Winter ist endgültig vorbei. Julia und ich sitzen im Auto. Die Sonne scheint, bestes Wetter!
Julia hat Brustkrebs, mit 27. Wissen wir seit Mai. Seit ein paar Wochen finden wir heraus, wie Chemotherapie geht und was noch so auf uns zukommen wird dieses Jahr. Wir merken, dass wir eine neue Perspektive brauchen. Mit „weiter so, bis wieder Alltag ist“, kommen wir nicht mehr hin. Wir treffen eine Entscheidung.

Wir verkaufen (fast) alles. Kündigen die Wohnung, zur Not auch die Jobs, und gehen auf Reisen.

Ein ganzes Jahr.
Wenn die Therapie und die regelmäßigen Krankenhausbesuche vorbei sind, geht’s los. Kurz überschlagen – wir beschließen im Juli 2019 zu starten.
Noch wissen wir nicht, wie viel Glück wir haben werden:

  • Die Therapie und die Bekämpfung der Krankheit verlaufen verhältnismäßig gut.
  • Freunde und Familie helfen uns, wo es nur geht.
  • Wir werden nicht mal unsere Jobs kündigen müssen.
  • In unserem Viertel möchte jemand seinen Camper-Van verkaufen. Just in diesem Moment.
  • Den Sprinter, an dem wir seit Jahren vorbei laufen und träumen, dass wenn‘s mal auf große Reise geht, dann wohl mit so einem – ohne zu wissen, was „so einer“ eigentlich genau ist.
  • Ein La Strada Regent S 4×4. Eigentlich völlig drüber, aber zum rechten Zeitpunkt am rechten Ort …
  • Wir können, bei bestem Wetter, tatsächlich am letzten Juni-Wochenende starten.

Starten!? Aber wohin eigentlich?

Die Routenplanung dauerte wahrscheinlich keine 10 Minuten: Alle drei Monate müssen wir zurück nach Deutschland. Nachkontrolle und weiterführende Medikamente. Unsere Reise teilt sich also in vier Abschnitte. Irgendwie nett, dass es auch vier Himmelsrichtungen und vier Jahreszeiten gibt. Gepaart mit den Flecken Europas, die bisher in unseren Urlauben zu kurz kamen, ergibt sich schnell:

  • Sommer: Alpen und Balkan.
  • Herbst: Großbritannien und Irland.
  • Winter: Baltikum und Skandinavien.
  • Frühling: Spanien und Portugal.
  • Moment mal! Im Winter nach Norden? Jau! Ganz nach Norden? Jau! Im Camper? Jau! Spinnt ihr? Vielleicht ein bisschen.

Im Winter zum Nordkap!

Dezember 2019. Bald ein halbes Jahr sind wir nun unterwegs. Etwa 20.000km bis hierhin, am Ende werden es wohl 45.000km werden. Nach unserem zweiten Zwischenstopp sind wir endlich wieder losgefahren. Sommerkram auspacken, Winterkram einpacken, zusätzliche Isolierungen zurechtschneiden, auf Anraten doch noch schnell die überfällige Steuererklärung von letztem Jahr vorbereiten, Schneeketten bestellen, auf die Bestellung warten (Amazon streikt), und dann endlich wieder loskommen. Dabei war’s in der Heimat doch eigentlich ganz nett…
Erstmal nach Osten: Polen, Litauen, Lettland und Estland durchqueren wir im ausgeklungenen grauen Herbst.

Die Landschaft um uns herum scheint sich mehr und mehr nach diesem fancy weißem Glitzerzeug zu sehnen, dass aus Blattloser, matschiger Trostlosigkeit faszinierende Winterwelten zaubert. In Litauen können wir einen ersten Vorgeschmack darauf erahnen, was es heißen wird, wenn Eis und Kälte die Welt erobern.

Minusgrade beim Hill of Crosses in Litauen
Minusgrade beim Hill of Crosses in Litauen

Sehnsucht nach Schnee

Nach drei Wochen Baltikum geht’s von Tallinn aus mit der Fähre rüber nach Finnland.
Polen, das Baltikum an sich, Riga, Tallinn und Helsinki, allesamt wunderbare Flecken, die einen Besuch wirklich wert sind. Aber wir wollen endlich rein in den Winter! Den richtigen, meterhoch weißen Winter! Auf einmal ist es so weit. Etwa eine Stunde oberhalb von Helsinki wird, wie von Zauberhand, die Welt um uns herum weiß! Überzogen von einer immer dicker werdenden Schneeschicht, die uns für die kommenden fünf Wochen wohl nicht verlassen wird. Glück gehabt.
Weihnachten in einer Holzhütte am See im Wald bei Kangasiemi kann kommen!

Weihnachten in Finnland – erstes Resümee im Winter

Während einiger Tage zwischen Winterwanderung, Husky-Schlitten, Lagerfeuer, Grillen im Schnee, Materialschlacht in der Küche und Kaminfeuer, resümieren wir über unsere ersten Erfahrungen, bei dauerhafter Kälte und zunehmender Schneehöhe, im Bus.
Wir halten fest: Unsere zusätzlichen Isolierungen (bestehend aus Schaumstoff für die Hekis, Felle im Fußraum, Iso-Matten für die Fenster und verschiedene Fleece-Decken, mal als zusätzlicher Vorhang vor Heck- und Schiebetür, mal als Fußbodendämmung unter unserem Teppich) erfüllen bis hier hin scheinbar ihren Zweck. Das Wasser hatten wir bereits vor Wochen in Deutschland noch abgelassen. Unseren 100 l Frischwassertank ersetzen wir mit einem 13l Wasserkanister.

Der Toilettenspülung geben wir Frostschutzmittel bei – den Luxus für das Notfall-Pipi an Bord zu haben gönnen wir uns auch, nein grade, im Winter.

11kg Gas reichen bei bis zu -6°C für Heizen und Kochen etwa eine Woche lang. Die Heizung tut ihren Dienst zuverlässig, das Auto fährt. Der Allrad ist inzwischen aktiv. Die Schneeketten sind unbenutzt. Spätestens hier in Finnland lernen wir, was dieses Stoßlüften eigentlich wirklich meint und das ein warmgelaufener Motor allen beteiligten gut tut. Den Aufenthalt im Haus nutzen wir zur Generalreinigung von Bus und Wäsche und dann geht’s wieder los. Das Lenkrad immer nach Norden.

Routenplanung per Wetterkarte

Für unsere weitere Route haben wir eine Entscheidung getroffen. Wir fahren nach Norden, so weit es geht. Dazu werden wir von nun an, neben der Straßenkarte auch die Wetterkarte beobachten. Wir müssen durch Lappland, eine Region in der im Winter -40°C keine Seltenheit sind. Auch wenn soweit alles funktioniert, bis hier. Ehrlicher Weise müssen wir zugeben, dass – trotz unserer Features – es eine deutliche Korrelation zwischen Kälte und gefühlter Entbehrung gibt. Auch wenn die Chemo schon etwas her ist und es Julia wieder verhältnismäßig gut geht – robust und fit ist anders.

Wir stellen fest: Ab -20°C ist weder Fahrzeug noch Ausbau, noch Mensch, noch Hund geholfen.

Wie der Zufall es will, scheint es ein Wetterfenster zu geben: Bei moderaten bis zu -18°C könnten wir in ein paar Tagen Lappland durchqueren. Wir können es kaum glauben, aber das Nordkap rückt tatsächlich in für uns annehmbare Nähe! Wir fühlen uns wie kühne Abenteurer als wir Finnlands Süden verlassen und endgültig in eine, schier endlose, Schneelandschaft eintauchen.

Eintauchen in endlose Schneelandschaft
Eintauchen in endlose Schneelandschaft

Im Schnee wie auf Schienen

Wenige Kilometer nach unserem Weihnachtsdomizil biegen wir auf eine Landstraße, die uns die kommenden 500km in einem leichten Bogen bis zum nördlichen Ende der Ostsee führen wird. Unter dem losen Schnee findet sich eine festgefahrene Schneedecke, darunter ein etwa fünf Zentimeter dicker Eispanzer. Das wird sich in den kommenden Wochen kaum ändern – lediglich die Schneedecke variiert ein wenig.

Um so mehr freuen wir uns über den zugeschalteten Allradantrieb. Bei moderaten 60 80km/h fährt der Sprinter wie auf Schienen.


Das ist recht wörtlich zu nehmen: Skandinavische Straßen haben irgendwie dankbar weite Kurven, sind recht leer und meist sieht man schon einen Kilometer im Voraus, das man bald mal gebremst haben müsste – sollte man dann auch zärtlich beginnen.

Wie auf Schienen bis zur Ostsee
Wie auf Schienen bis zur Ostsee

Noch etwas lernen wir recht schnell im skandinavischen Winter: Du startest deinen Motor deutlich vor Abfahrt am Morgen und machst ihn im besten Falle erst Abends, deutlich nach Ankunft, wieder aus. Dazwischen eigentlich nur zum Tanken.

Tatsächlich lassen manche ihre Motoren sogar beim Einkaufen laufen. Auf dem Parkplatz, Schlüssel steckt. Kein Thema hier oben.

Wir bahnen uns also unseren Weg, begegnen hin und wieder mal einem Räumfahrzeug (etwa genauso oft oder selten wie einem anderen PKW) und sehen mit etwas gemischten Gefühlen zu, wie die Temperatur sinkt und sinkt. Inzwischen ist es etwa 16 Uhr und schon seit längerem dunkel. Unser Ziel für heute liegt bei Siikalatva. Ein Einsames Plätzchen am See, das just in dem Moment in dem wir ankommen geräumt wird. Dankeschön! Noch ahnen wir nicht, dass unsere Stellplatzsuche von nun an genau von der Frage entschieden werden wird: Lässt der Schnee es zu, oder nicht?

Die richtige Wetter-App

Laut norwegischer Wetter-App (YR) werden wir die Nacht hier wohl bei lauschigen -16 bis -18°C verbringen. Da die YR-App bisher auf’s Grad genau die Vorhersage getroffen hat, trauen wir uns, bleiben und erleben einen unfassbaren Sternenhimmel.

Nur kurz. Ist zu kalt draußen. Drinnen läuft die Heizung und macht uns unsere Kiste kuschelig warm. Als wir am nächsten Morgen Kaffee kochen wollen, reicht das Gas noch genau dafür. Glück gehabt!

Wir packen uns warm ein und gehen raus. Die Kälte brennt im Gesicht. Es ist etwa 09:00 Uhr und es wird langsam hell. Nach und nach können wir die Gegend um uns herum erkennen und sind fasziniert: Alles ist gefroren und mit weißem Pulver überhäuft. Die Wege, die Felder, die Bäume, der kleine Hafen, der See, alles. Dazu schimmert ein wolkenloser Himmel.
Was für eine Kulisse!

Morgenkaffee bei minus 18 Grad
Morgenkaffee bei minus 18 Grad

Wir lassen den Motor vorlaufen, enteisen das Auto und machen die Kiste fertig. Wir rollen los. Im Rückspiegel sehen wir, wie in Zeitlupe, die Sonne auf gehen, kurz über den Horizont luken und noch bevor wir zum Mittag halt machen geht sie auch schon wieder unter. Wieder wie in Zeitlupe.

Route für heute: Das Nord-Ende der Ostsee und dann zum Polarkreis. Unterwegs tanken und eine neue Gasflasche finden. Bei Kemi, etwas oberhalb von Oulu, reisen wir uns von der zugefrorenen Ostsee los und peilen Rovaniemi an.

Touriwahnsinn und Polare Nacht

Hier, am Polarkreis, wohnt der Weihnachtsmann. Der hatte in den letzten Wochen sicher ordentlich zu tun und vielleicht freut er sich ja auf ein gemütliches Feierabendbier mit uns.
Denkste! Wir geraten in eine turbulente Tourihölle und laufen, etwas irritiert über die vielen Menschen aus allen möglichen Ländern, eine kleine Runde. Kurz vor unserer Kapitulation finden wir in einem nicht ganz überfüllten Lädchen eine Postkarte für Oma. Wir bewegen uns zügig zum Camper zurück und suchen uns ein etwas ruhigeres Plätzchen abseits des Trubels.

Es ist etwa 18:00 Uhr und seit Stunden dunkel.

Wir richten uns ein und kochen bei lauschigen -10°C Nudeln. Draußen. Mit unserem Sturmkocher – wie geräumig und komfortabel kommt uns auf einmal unsere Küche im Bus vor! Aber wir hatten das mit dem Lüften ja schon …

Entscheidend wird die Frage: Warme Tropfsteinhöhle oder ab und zu Kälte beim Kochen?

Das wir heute zum vorerst letzten Mal die Sonne gesehen haben, realisieren wir erst Tage später. Gab es gestern noch etwa eine halbe Stunde Sonne, schafft der gelbe Planet es oberhalb des Polarkreises nun nicht mehr über den Horizont. Was bleibt, sind ein paar Stunden Dämmerung am Tag. Meist verbunden mit einer grauen und undurchlässigen Wolkendecke. Ansonsten ist es dunkel. Nur der Schnee schimmert weiß und macht diesen
Zustand erstaunlich ertragbar.

Spätestens ab hier sind wir mit unserem aufgerüsteten Fernlicht unter gleichen und freuen uns wie Bolle über unsere bretthellen Zusatz-Scheinwerfer!

Dunkelheit am Nachmittag
Dunkelheit am Nachmittag

Countdown zum Nordkap

Weiter, immer weiter, in seichten Schwüngen, durch die Weite Lapplands. Nach einem Zwischenstopp vor den Toren Sirkkas geht’s, an Inari vorbei, nach Norwegen. Norwegen!
Endlich wieder Küste! Das heißt zwar eher mehr als weniger Eis auf der Fahrbahn, aber auch eher -8° als -18°C. Wie wohlig warm der Winter sein kann! Wir finden unseren Nachtplatz nach einigem Suchen schließlich am Beginn des Porsangerfjord. Nicht vom Schnee versperrt, dafür spiegelglatt vereist.

Wir stehen etwas schräg bergauf – das nervt beim Essen machen, hat aber beim Bremsen geholfen!

Etwas weiter weg von uns steht noch ein Bulli mit deutschem Kennzeichen. Uns ist nicht ganz klar, ob sie etwas verzweifelt versuchen wieder vom Fleck zu kommen, oder sich für die Nacht einrichten. Irgendwie sind wir sehr empfänglich für die unendliche Hilfsbereitschaft der Menschen hier im Norden – das färbt ab. Kurzum, die beiden brauchen keine Hilfe, freuen sich aber über einen kleinen Schnack und ehe wir uns versehen, gibt’s ein Feierabendbier zusammen. Was für ein Luxus nach diesem langen Fahrtag. Noch schnell essen, dann aber ab ins Bett.
Noch etwa 40 Stunden bis zum Kap.

Aufbruch vom vereisten Nachtplatz
Aufbruch vom vereisten Nachtplatz

Der kommende Morgen empfängt uns mit atemberaubender Dämmerung in unglaublichem Blau.

Die anderen sind schon los – wir können uns kaum satt sehen. Generell haben wir uns bereits ziemlich an unsere Umwelt angepasst. Keine Hektik, keine allzu wilden Etappen, schnell klappt im Zweifel eh nicht. Wir wollen das Land sehen, die Menschen erleben. Das geht am besten bei Tageslicht – im Moment also von etwa 10:30 bis 14:30 Uhr.

Nachmittags noch Einkaufen, Tanken, neue Gasflasche, sehen wie weit man gekommen ist und einen Stellplatz suchen. Dann ist der Tag auch schon um…


Noch 28 Stunden bis zum Kap. Wir rollen los. Etwas angespannt, gleichzeitig voller Vorfreude! Skarsvåg wollen wir heute erreichen, der wohl nördlichste Fischerort der Welt und gleichzeitig letzte Station vor dem Kap. Die ersten Kilometer gehen gut – war da nicht was im Wetterbericht?Egal, läuft, nehmen wir dankend an! So langsam wird es hell – na gut,
eher diffus und weniger dunkel. Konturen auf der eisig verschneiten Fahrbahn erkennt man nur mit Scheinwerfern, also Licht an, Fernlicht, wenn keiner entgegenkommt. Machen die Norweger auch, machen wir mit. Ohne dass es einen Anhaltspunkt gab, dass es wirklich hell war, wird es am Himmel schon wieder trüber.

Wir halten an einer Info, hoffen auf eine Aussage, was uns dieses wild Blinkende, nach Wetterwarnung aussehende LED-Panel am Wegesrand sagen soll.

Keiner da. Nur ein Reisebus hält neben uns. Etwa 20 Menschen steigen aus, zählen gemeinsam einen Countdown und fallen sich gegenseitig um den Hals und drehen wieder um. Etwas irritiert dämmert uns, dass heute Silvester ist! Wir freuen uns mit den anderen, hätten wir das doch ganz stumpf vergessen. Die Gruppe muss irgendwo von der anderen Seite unserer Kugel kommen … Es ist etwa 11 Uhr. Noch etwa 120 km nach Skarsvåg. Das Wetter verschlechtert sich. Der Schlagbaum ist offen. Okay, denken wir uns etwas erleichtert, dann kann’s ja nicht so wild sein.

120 km im Schneesturm

Keine zehn Minuten später beginnt es zu schneien. Soweit so gut. Noch mal zehn Minuten später wird aus etwas Schnee etwas Schneesturm. Das wenige Tageslicht von heute hat schon wieder den Rückzug angetreten. Der Sprinter treibt auf allen vier Rädern voran. Wir wechseln munter zwischen Flutlicht, Nebelleuchten, Warnblinker, mal 60, meistens 30 km/h, mal Schritttempo, das ASR blinkt hier und da auch fleißig mit. Die Scheibenwischer versuchen verzweifelt den Schnee von der Scheibe fern zu halten. Die Heizung läuft, im Radio der Transformers Soundtrack. Die Landschaft um uns rum wird in der Dämmerung immer dramatischer. Links steiler dunkler Fels, rechts tost einige Meter tiefer der Atlantik. Zwischen Schneewehen und Wolken aus Eis, taucht auf einmal ein blaues Schild auf – Nordkapptunnelen 6875m. Bis auf eine Tiefe von 200m geht‘s unter dem Atlantik durch, zur Nordkap-Insel Magerøya. 6,8km Erholung vom Schnee.

Dann öffnet sich am Ende des Tunnels das Rolltor.

Noch 40 km bis Skarsvåg. Der Wind nimmt zu. Der Schnee phasenweise
auch. Die Sicht nimmt ab, verschwindet hin und wieder mal gänzlich.

Im Schneesturm ans Kap
Im Schneesturm ans Kap

Kurz vorm Ziel geht nichts mehr

Noch 25 km, dann geht nichts mehr. Wir kommen um eine Kehre und sehen vor uns blinkende Lichter quer über der Straße verteilt. Anhalten, verstehen was passiert und – warten. Die letzten Kilometer geht’s über einen Pass, der ist gesperrt. Schade.
Wir haben heute nichts mehr vor, es ist etwa 13:30 Uhr und schon wieder dunkel. Vor uns am Straßenrand steht noch ein Wagen. Sie warten bereits schon etwa eine Stunde und werden wenig später den Rückzug antreten. Sie müssen am Abend in Alta sein – dauert bei gutem Wetter etwa 3 Stunden. Während wir warten treffen noch drei weitere Autos ein.
Zwei davon, wie wir im Auto einquartiert, und eine Familie mit Ferienwohnung.

Wie der Zufall es will, alle aus good old Germany.

Julia und ich freuen uns nach den einsamen Kilometern durch Lappland über die Gesellschaft aus der Heimat. Am Telefon erfahren wir, dass es, wenn es hier heute weiter geht, noch etwas dauern wird. Aktuell ist der Wind zu stark, die Strecke kann nicht geräumt werden. Man richtet sich ein, zwischenzeitlich trinken wir zu sechst bei uns im Bus Kaffee und erzählen, wie wir hier her gekommen sind.
Von unseren Nachbarn aus der Nacht zuvor keine Spur. Hat auch keiner unterwegs gesehen. Auf einmal nähert sich ein blinkendes Ungetüm aus dem Dunkel. Von Zauberhand geht die Schranke auf, das Räumfahrzeug braust an uns vorbei, Schranke wieder zu. Kurze Zeit später das gleiche nochmal. Wir machen uns wieder Farbereit und warten auf das erneute Blinken zwischen Schnee und Dunkelheit.

Endlich geht’s weiter! Auf nach Skarsvåg! Noch 20 Stunden bis zum Kap.

Nicht nur uns ist im Laufe des Tages aufgefallen, dass der Jahreswechsel bevorsteht und so beschließen wir, mit den anderen beiden Reisefahrzeugen gemeinsam Silvester zu feiern. In Skarsvåg auf einem verschneiten Parkplatz am Hafenbecken finden wir unseren Platz.
Schnee und Sturm haben endgültig nachgelassen und irgendwann tauchen auch noch unsere Nachbarn vom Vorabend auf.

Wir schmeißen zusammen, was an Proviant so da ist. Glühwein, lecker Essen, Bierchen und den wohl besten Gin Tonic, den man sich hier oben hätte wünschen können.

Dazu lassen uns die Einwohner von Skarsvåg an einem herrlichen Feuerwerk teilhaben. Den Abend schließt ein traumhafter Kinheimer Rosenberg, ein 95er Riesling. Gezaubert aus dem Nachbarbus mit dem Glühwein und dem Gin. Erwähnte ich das mit dem Glück das wir haben werden schon mal? Es könnte nicht besser sein! Frohes neues!
Noch zehn Stunden bis zum Kap. Jetzt aber ab ins Bett!

Die letzte Etappe – im Konvoi zum Kap

Knapp vier Stunden bis zum Kap. Das neue Jahr empfängt uns mit wolkenfreiem Himmel!
Wie episch dieser Tag wird ahnen wir noch nicht so richtig, zu sehr sind wir von diesem ersten Morgen des Jahres fasziniert. Während wir eine Runde durch den aufwachenden Ort drehen kommt auch leben in unsere Nachbarschaft. Wir machen die Autos fertig, und rollen aus dem Ort heraus zum Treffpunkt des Konvois. Nachdem wir gestern die gefühlt einzigen waren, die sich nach hier verirrt haben, stehen dort heute Morgen, bei bestem Wetter, eine ganze Reihe von Campern, Bussen und PKWs am Treffpunkt.

Spontan schrauben sich unsere Erwartungen etwas herunter – ist es halt dann doch nur noch eine weitere, zu oft fotografierte und überhöhte Touri-Landmarke, wie so viele andere auch? Wollten wir eigentlich meiden sowas…

Noch eine Sunde bis zum Kap.

Der Mann vom Schneepflug will pünktlich los und achtet beim Kontrollgang penibel darauf, dass man entweder Schneeketten dran oder Allradantrieb hat. Unsere Ketten bleiben ungenutzt. Originalverpackt.
Und dann geht’s los. Schranke auf, Schneepflug durch, die anderen hinter her, zum Schluss wieder ein Schneepflug, Schranke zu.

Warten am Konvoi
Warten am Konvoi

Noch 30 Minuten bis zum Kap. Es ist kurz nach elf und fast hell. Der Konvoi besteht aus etwa 20 Fahrzeugen, wir irgendwo in der Mitte. Die Kolonne bahnt sich ihren Weg durch eine der unfassbarsten Landschaften! Die Schneefräse hat sich durch teils haushohe Schneeverwehungen gearbeitet. Wir fahren durch eine meterhoch verschneite Welt. Ab und an gibt ein Tal den Blick auf den Atlantik frei, um der Straße dann zügig den nächsten Aufstieg zu widmen. Zumindest im Winter ein schier atemberaubendes Erlebnis in dieser vom Schneesturm gezeichneten Landschaft.
Wir haben uns in den vergangenen Monaten fleißig auf Europas Panoramarouten getummelt.

Die hinter uns liegenden 24.000km erfahren grade eine Krönung. Wir haben Tränen in den Augen, so unglaublich sind für uns diese letzten Kilometer ans Kap.

Diese letzten 10 Kilometer werden für uns zu einer Art Symbol das mehr ist als nur der Weg zu einer Landmarke. Wieder läuft Transformers im Radio – konnten wir uns nicht verkneifen.
Endlich am Kap!
Ankommen, Aussteigen!
Wir freuen uns mit den Anderen, tapern umher und genießen diesen einmaligen Ort. Was für ein Privileg, dass wir das neue Jahr in dieser Gegend beginnen dürfen!
13:45 Uhr fährt der Konvoi zurück.
Ohne Diskussion, alle müssen mit. Wird ja auch schon
wieder dunkel.

Text und Fotos: Julia und Thomas Oberthür

7 Kommentare

  1. Habe den Bericht gerne gelesen; so weit nördlich bin ich noch nicht gewesen. Lediglich bis zu den Lofoten brachte mich 1982 mein Bully mit Reparatur der Kupplung in MoIRana gemeinsam mit dem netten Werkstattbesitzer.
    Macht noch viele schöne Reisen und berichtet davon.
    Grüße von Wolfgang Petry

  2. Hallo Wolfgang,
    Danke und Freude! 🙂 Mo i Rana haben wir erst einige Kilometer später auf dem Rückweg passiert, zum Glück ohne Kupplungsschaden… 1982 war das sicherlich nochmal ein anderes Abenteuer als 2020..
    Liebe Grüße

  3. Espectacular viaje. Espero hacer algo parecido cuando tenga mi próxima MLT580. 👍

    Si pasan cerca de mi casa en su próximo viaje a España, no duden en avisar. Tendré preparada una buena botella de vino tinto. 😉

  4. Hola Txague, gracias por la invitación! 😊 Desafortunadamente salimos de España en marzo. ¡Quizás la próxima vez! El norte de Escandinavia definitivamente merece una visita. Saludos cordiales, Thomas

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