Oder auch: das Leben im Wohnmobil in Zeiten von Corona

Am 17. März 2018 gaben wir den Schlüssel unserer Mietwohnung ab. Seit genau diesem 17. März 2018 leben Micha und ich in unserem Wohnmobil: ein teilintegrierter Knaus Sun Ti 650 MF. An Uncoolness kaum zu überbieten, war es für uns aber der richtige Schritt und die passende Grösse an WoMo, um von einer knapp 60m2 2-Zimmerwohnung in ein rollendes Zuhause umzusteigen.

Hummeln im Hintern

Wir haben uns in unserer Mietwohnung super wohl gefüllt. Trotzdem wollten die Hummeln in meinem Hintern keine Ruhe geben. Jedes Stück zu viel im Schrank oder im Keller waren Stress für mich. Irgendwie brauche ich das Gefühl, jederzeit mit dem, was wir besitzen, theoretisch aufbrechen zu können. Genau dieses Gefühl stellt aktuell für mich die größte Herausforderung dar, wenn wir an unseren Alltag in Zeiten von Corona denken. Mehr dazu gleich.

Nachdem wir uns unter vielen Tränen (meinerseits) von Lotte, unserem Land Rover Defender, getrennt hatten, waren wir uns trotzdem einig, dass wir wieder ein Reisegefährt wollten. Roadtrips are just our thing! 

Wir schauten uns diverse Modelle von Kastenwagen über Teilintegriert über Eigenausbau an und dann fiel es mir quasi wie Schuppen von den Augen: warum nicht die Wohnung kündigen und in ein Wohnmobil ziehen? So könnten wir immer und jederzeit unterwegs sein – egal ob für Urlaube oder auch nur für kleine Wochenendtrips. 

Genauso bekloppt wie ich … 🙂

Mein Glück, dass Micha tatsächlich für jeden Blödsinn zu haben ist, war die Entscheidung schneller getroffen, als wir es beide vermutet hätten.  Da wir tendenziell zum Typ „Entscheidungen direkt umsetzen“ gehören, fiel das Modell Eigenausbau raus. 

Also kämpften wir uns nochmals durch die Unmengen an Reisemobilen auf dem Markt. Bei ausreichend Rotwein legten wir die absoluten „must-have’s“ fest:

  • Winterfest
  • vernünftig große Nasszelle
  • ausreichend Stauraum
  • maximal Teilintegriert, never ever Vollintegriert,
    oder auch:
  • so klein wie möglich, so groß wie nötig
  • Doppelbett
  • offen & hell

Den für uns passenden Grundschnitt hatten wir damit recht schnell und auch die paar Modelle, die hier in Frage kämen, gefunden. Nach einer weiteren prüfenden Runde bei diversen Händlern waren wir uns einig: es sollte der Knaus Sun Ti 650MF werden. Keine Schönheit, aber ansonsten mit allem, was wir für unser rollendes Zuhause haben wollten, ausgestattet.

Sveni 2.0

Bei vermutlich einem der schlechtesten Knaus-Händler wurden wir fündig, sie hatten genau unser Wunschmodell auf dem Hof stehen. Sowas wie Sat-Schüssel und Markise hätten wir zwar nicht gebraucht, aber das Thema Geduld sorgte dafür, dass wir uns damit abfanden, dass es ohne Abstriche nicht funktionieren würde. We would take what we get.

Nachträglich bekam Sveni 2 (wir hatten es kurz mit einem anderen Namen versucht, aber irgendwie wollte das nicht so richtig passen) noch ein paar ad-ons:

  • 200w Solar auf’s Dach
  • Wechselrichter 
  • Zusatz-Batterie
  • SOG-Lüfter
  • Auflastung auf 3,8t mit einer Zusatz-Luftfeder (Hinterachse)

Mit Solar & Co. sind wir stromtechnisch über das komplette Jahr völlig autark. 

Knaus Sun Ti 650MF, Sveni 2.0
Knaus Sun Ti 650MF, Sveni 2.0

Step by step

Kaufvertrag war unterschrieben, grober Liefertermin auf zweite Hälfte Januar 2018 vereinbart.

Kurz nach Weihnachten 2017 schickten wir unsere Kündigung zum 31. März 2018 an unsere Vermieterin. Party-Stimmung! Olé olé!!! 😀

Wir machten uns eine Übersicht mit allen To Do’s, die einmal die Wohnung betrafen und einmal in/für Sveni galten. Innerhalb kürzester Zeit saßen wir ohne Fernseher, Bose Sound System und ersten kleineren Möbeln da. So kämpften wir uns Stück für Stück durch die Wohnung und unseren Keller. Verkauften, verschenkten, spendeten Möbel, Hausrat, Kleidung, die schon viel zu lange mit Nichtachtung gestraft war und begannen langsam alles, was mit umziehen sollte, in Sveni einzuräumen.

Strom, Festnetz, verhasste GEZ – alles, was wir nicht mehr nutzen konnten, bzw. im WoMo nicht verfügbar war, kündigten wir. 

Alles, was wir besitzen

Was wir dann noch besassen, passte in Sveni und eine 1m2 großen Miet-Lagerbox, die wir nach dem ersten Jahr auf 1m3 reduzierten und zum Ende des zweiten Jahres komplett auflösten. 

Alles, was wir jetzt noch besitzen, fährt in Sveni mit. Nur eine Box mit original Dokumenten haben wir separat gelagert. 

Wirklich genau zu wissen und auch zu sehen, was man besitzt, hilft mir sehr die Hummeln in meinem Hintern etwas besser in Schach zu halten.

Daniela – heute ohne Mietwohnung
Daniela – heute ohne Mietwohnung

Und dann kam Corona

In den gut zwei Jahren, die wir inzwischen in Sveni leben, haben wir uns perfekt eingegroovt. Uns fehlt nichts, wir haben alles an Bord, was wir benötigen. Die erste Zeit hatten wir keine Handvoll Menschen über unsere Pläne eingeweiht, wir wollten erst testen und uns beweisen, dass es funktioniert, bevor wir in vermeintlich unnötige Diskussionen verstrickt würden. Der Kreis wurde langsam erweitert und vor kurzem haben wir dann auch mal die Familie eingeweiht, frei nach dem Motto „save the best for last“ 🙂 🙂 🙂
Gemerkt hatte es bis jetzt keiner, d.h. das Leben im WoMo lässt sich problemlos mit dem normalen Arbeitsalltag vereinbaren. Verwahrlosung hatte sich tatsächlich keine eingestellt.

Für uns ist das Leben auf vier Rädern genau das Richtige. Wir brauchen nicht viel Platz, sind eh lieber DRAUZZEN unterwegs und genau hier wird es nun in der drölften Woche im Lockdown langsam anstrengend.

Home office hatte ich schon davor hin und wieder genutzt, inzwischen hat auch Micha erste Erfahrungen dank Corona hierzu machen können. Keine Herausforderung in Sveni 🙂 

#stayhome

Das versuchen wir bestmöglich einzuhalten. Was wir sonst immer an Wochenenden weggefahren sind (Schwarzwald, Allgäu, Bodensee, Schwäbische Alb), das sollen wir jetzt nicht machen. Dazu wurden sämtliche Camping- und Wohnmobilstellplätze inkl. Deren Ver-/Entsorgungsstationen gesperrt. Bist du mit deinem WoMo unterwegs, wirst du teilweise schief angeschaut. Sind wir eh lieber weit weg von Stellplätzen & Co., wollen wir aber unseren Teil dazu beitragen und nicht irgendwie negativ auffallen. 

Also haben wir unseren Sveni im Industriegebiet stehen, wo wir am wenigsten für Aufsehen sorgen. Von dort haben wir es zum Glück nicht weit auf die Felder, um einmal am Tag eine größere Runde DRAUZZEN zu drehen. 

Eine Ver-/Entsorgungsstation haben wir in ca. 15min Fahrtzeit entfernt, die nicht gesperrt ist, somit fällt diese Sorge vorerst weg. 

Mit den Konsequenzen musste jetzt halt leben

Trotzdem, es wird langsam anstrengend und keiner kann sagen, wie langes es noch so weiter geht. Offiziell ist es nicht erlaubt, im WoMo zu leben. Es braucht eine Meldeadresse in Deutschland.  Dann aber wiederum kann es dir ja auch keiner verbieten. Blöd wird es nur, dass du durch deine Entscheidung, die festen vier Wände gegen ein rollendes Zuhause einzutauschen, irgendwie dann doch durch’s Raster fällst und einige der Vorgaben so für dich nicht vernünftig umsetzbar sind, bzw. dir teilweise der Zugang zu Ver-/Entsorgung oder einem Platz, wo du ganz offiziell stehen darfst, schlichtweg fehlt.

Nein, jammern werden wir deswegen nicht. Es war ja schließlich unsere Entscheidung. Schön wäre es aber, wenn sich in Deutschland hier langsam etwas ändern würde und man nicht als völlig Bekloppt oder Asozial angesehen wird, wenn man sich gegen ein vermeintlich „normales“ Leben im Betonbunker entscheidet. 

Hardfacts 

Was genau heißt es denn nun, im Wohnmobil zu leben? Ist ein fahrbares Zuhause in vielen Punkten deutlich flexibler, braucht es an der ein oder anderen Stelle dafür etwas mehr Organisation oder Planung.

Wir haben einen 120l Frischwassertank, der uns für ca. eine Woche reicht, dann müssen wir mit Sveni zur nächsten Ver-/Entsorgungsstation. 

Toilette muss alle 4 Tage (+/-) geleert werden, auch hier fahren wir dann abwechselnd mit Sveni oder eben zwischendurch auch mal mit Otto, unserem VW Amarok zur Ver-/Entsorgungsstation. 

Insgesamt haben wir drei 11kg-Gasflaschen dabei. Zwei sind im Gaskasten angeschlossen, eine ist immer als Tauschflasche dabei. Ursprünglich hatten wir nur die zwei im Gaskasten, aber im Laufe des ersten Winters in Sveni haben wir gemerkt, dass wir so etwas flexibler sind. Überwintern im WoMo, das bedeutet bei uns, dass ungefähr alle vier Tage eine Gasflasche getauscht werden muss. Wenn der Wetterfrosch unter 3°C vorhersagt, läuft die Heizung komplett durch. Nachts dann auf 11°C eingestellt, dass der Frostwächter nicht auslöst und wir unser Frischwasser verlieren. 

Wir hatten schon mehrfach überlegt, den Frostwächter auszubauen, aber uns dann doch jedesmal dagegen entschieden. Außerdem hat die Erfahrung gezeigt, dass der Gasverbrauch insgesamt auch etwas geringer ist, wenn die Heizung auf kleiner Temperatur weiterläuft, statt von Null auf 18°C heizen muss. 

Das größte Problem stellt die Müllentsorgung für uns dar. Wir sind immer noch dabei, unseren anfallenden Müll zu reduzieren. Bei uns gibt es z.B. Wasser, Milch, Joghurt, etc. nur in Pfand-Glasflaschen. Trotzdem, es ist erschreckend, wie viel Müll sich selbst auf so kleinem Raum und ohne große Koch-Orgien ansammelt. But hey, we’ll keep fighting! 🙂

Für saubere Wäsche machen wir einmal die Woche einen Ausflug zum Waschsalon. Was in einem „normalen“ Zuhause nebenher läuft, braucht auch hier etwas mehr Zeit und Planung. Wir versuchen immer das Beste daraus zu machen: gehen einkaufen, Kaffee trinken (als es noch möglich war) oder reden einfach miteinander. 🙂

Unsere Erreichbarkeit und die Möglichkeit, den sozialen Medien ausreichend und immer und überall frönen zu können, haben wir mit Mobilverträgen mit unbegrenztem Datenvolumen sichergestellt.

Die Größe von Kühlschrank und Gefrierfach lassen auch keine Wünsche offen, so ist immer ausreichend Blubberbrause oder Weißwein im Kühlschrank und im Gefrierfach Eis. Es fehlt uns wirklich an Nichts 🙂

Wie geht’s weiter?

Wir können es kaum erwarten, bald wieder DRAUZZEN unterwegs sein zu können. 

Eigentlich sollten wir Ende Mai unser neues rollendes Zuhause bekommen. Mal schauen, inwiefern Freund Corona uns hier noch etwas hängen lässt. Der Platz im Knaus ist immens, die Nasszelle gleicht einem Wellness-Tempel und uns ist er inzwischen zu groß. 

Ja, richtig gelesen: Sveni ist uns zu groß und wir werden auf einen Hymer Grand Canyon S Allrad wechseln. Auch wenn der Platz dann nochmal um einiges geringer wird, sind wir davon überzeugt, dass der GCS für unseren Alltag der perfekte Begleiter sein wird. Wir freuen uns darauf wie Schmitz’ Katze und hoffen, dass die Produktion bei Hymer schnell genug wieder anläuft, um den Liefertermin halbwegs halten zu können! 😀 😀 😀 

8 Kommentare

  1. Das liest sich ja interessant. Irgendwie sind die Camper, die fest in ihnen wohnen nicht vom Corona System berücksichtigt. Aber ihr macht das beste daraus und hattet anscheinend noch keine Probleme mit den Ordnungshütern.
    Ich könnte mir auch ein Leben im Wohnmobil vorstellen (fahre einen ML-T 620). Aber etwas mehr Platz würde ich dann schon wollen, wenn es auf Dauer sein soll.
    Ich kann mir auch gut vorstellen, das man gegenüber einer festen Wohnung viel sparen kann.

    Weiterhin gute Fahrt

  2. Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum…
    Schön, dass ihr für Euch die richtige Wohnform gefunden habt.
    Lg aus Berlin, auch wenn wir uns vor ca 10 Jahren in Mexico getroffen haben.
    Andreas, Friederike, Anton und Matilds

  3. Hallo Jochen,
    danke für Deinen Kommentar.
    Ja, uns hat hier wirklich keiner auf dem Schirm. Auch wenn ich es sehr hoffe, dass sich hier bald etwas bewegt, vermute ich, dass diese Wohn-, bzw. Lebensform nicht zwangsläufig die notwendige Unterstützung erhalten wird. Uns bringt allerdings keiner mehr in eine ‚normale‘ Wohnung 💪
    Wir wären schon zufrieden, wenn beim ‚Leben in einem tiny house‘ die Hürden kleiner würden.
    Ansonsten hoffen wir darauf, dass wir uns bald wieder etwas freier bewegen können.
    Bis dahin: stay safe – stay home – stay healthy!

  4. Hi Andreas,
    wie schön von Euch zu lesen! Krass, es sind tatsächlich schon 10 Jahre seit México!
    Ja, es hat etwas gedauert, aber nun haben wir endlich den Weg gefunden, wie wir leben/wohnen wollen. Wir würden es für nichts eintauschen.
    Hoffe sehr, dass es Euch gut geht!
    Liebe Grüße nach Berlin!

  5. Nix da, mein Mexico mit Daniela ist 15 Jahre her. Fast auf den Tag genau, übrigens… 😉

    Ihr seid echt verrückt. Die aktuellen Entwicklungen kannte ich ja noch nicht.
    Wäre das blöde Virus nicht dazwischen gekommen, hätte ich vor vier Wochen einen Termin in Stuttgart gehabt.
    Aber der wird schnellstmöglich nachgeholt. Ich hoffe, dass ich Euch dann nicht mehr im Gewerbegebiet antreffen werde.

    Thumbs up! Schön, so Typen wie Euch zu kennen.

    Grüße aus Essen, Christian.

  6. Christian!!! 15 Jahre?! Oh Mann…jetzt fühl ich mich noch älter 😫😄
    Irgendwie scheint sich hier fast alles um México zu drehen 😅
    Ja…naja…wir hatten es nicht jedem direkt auf die Nase gebunden… 🤷‍♀️ Aber mit denen wir dazu gesprochen hatten, die überraschte es dann irgendwie auch nicht 🤭😎
    Hoffen, es geht Euch gut und wir sehen uns tatsächlich ganz bald mal wieder!
    Liebe Grüße an die restlichen 3! 🙆‍♀️

  7. Lieben Dank, Anja! ☺️
    Für uns ist das inzwischen so normal wie einkaufen gehen…zu Zeiten vor Corona 🙄
    Hoffe sehr, Euch geht es gut und auch Ihr übersteht diesen Wahnsinn unbeschadet!
    Liebe Grüße!

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